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Was auf den Tisch kam, wurde gegessen

Was nach Kindheit schmeckt | Folge 4

Von scharfem Meerrettichgemüse, täglicher Brotsuppe und einem Stück Butter, das keine Freude machte. Drei Kindheitserinnerungen erzählen davon, dass Essen früher nicht immer eine Frage des Geschmacks war.

ier Kinder sitzen nebeneinander auf einer Bank. Historische Schwarz-Weiß-Aufnahme

Vier Kinder auf einer Bank – eine Kindheit, in der nicht immer auf den Tisch kam, was man gerne mochte. Erinnerungen an Lieblingsgerichte, ungeliebte Speisen und die Frage, wie viel Mitspracherecht Kinder beim Essen hatten.

Historische Fotografie: Privatarchiv Burgi Mayer. Bildgestaltung: KULINAVI.de.

Wenn das Mittagessen abends wiederkam

Es gab Gerichte, auf die freute man sich. Und es gab solche, denen man am liebsten aus dem Weg gegangen wäre. Bei Gabriele gehörte das scharfe Meerrettichgemüse eindeutig zur zweiten Kategorie.

Zweimal im Jahr kam ein Bauer aus dem Bayerischen Wald vorbei, den die Familie den „Kre-Ma“ nannte. Er verkaufte Meerrettich, und anschließend stand das entsprechende Gemüse auf dem Speiseplan. Wer es mittags nicht aufaß, bekam am Abend eine zweite Gelegenheit. Und wer auch dann nicht zugriff, musste damit rechnen, das ungeliebte Gericht am nächsten Morgen wiederzusehen. Gabriele erinnert sich an diese Drohung noch viele Jahrzehnte später.

In ihrer Familie wurde am großen Tisch in der Wohnküche gegessen. Die Mutter achtete darauf, dass stets eine Tischdecke aufgelegt war, auch an gewöhnlichen Wochentagen. Der Tisch war Mittelpunkt des Familienlebens – und zugleich ein Ort, an dem klare Regeln galten.

Brotsuppe. Jeden Morgen.

Ganz anders waren die Lebensumstände, in denen Otto Mayer aufwuchs. Auf dem elterlichen Bauernhof bestimmten die Arbeit und die vorhandenen Lebensmittel, was auf den Tisch kam. Zum Frühstück gab es Brotsuppe. Nicht gelegentlich, sondern jeden Tag, soweit Otto und seine Geschwister sich erinnern konnten. Die Suppe bestand aus Wasser, fein geschnittenem altem Brot und reichlich Schweineschmalz. Manchmal kamen geriebene Kartoffeln dazu. Im Teller wurde kalte Milch angegossen. Das Schmalz lieferte Energie für einen körperlich anstrengenden Alltag. Ob die Kinder diese Suppe mochten, war eine andere Frage. Auch die Milchsuppe gehörte zu den Gerichten, die Otto wenig Freude machten. Und dann war da noch das „Scheamus“, ein einfacher süßer Mehlbrei aus Mehl, Wasser und Zucker, den er ebenfalls nicht besonders gern aß.

Die Eltern bewirtschafteten den Hof weitgehend allein. Wenn wenig Zeit zum Kochen blieb, mussten Gerichte auf den Tisch, die sich rasch zubereiten ließen. Milchsuppe und Scheamus waren solche Mahlzeiten.

Hier ging es weniger um Erziehungsstrenge als um die Anforderungen eines Alltags, in dem Arbeit, Zeit und Vorräte den Speiseplan bestimmten.

Wenn Butter kein Geschenk war

Auch Burgi Mayer erinnert sich an etwas, das sie als Kind überhaupt nicht mochte: Butter.

Zur Erstkommunion bekam sie vom Milchgeschäft ein Stück Butter geschenkt. Das war durchaus eine besondere Gabe, denn Butter war damals ein wertvolles Lebensmittel. Doch Burgi konnte sich darüber nicht freuen. Sie mochte den Geschmack nicht, die Butter war ihr zu „sauer“.

Ein Geschenk, über das sich andere vielleicht gefreut hätten, war für sie eine Enttäuschung.

Ihre Erinnerung zeigt eine andere Seite des kindlichen Geschmacks: Was Erwachsene als etwas Besonderes betrachteten, musste Kindern noch lange nicht schmecken. Auch Wertschätzung lässt sich nicht verordnen.

Nicht alles, was auf dem Tisch stand, schmeckte

Historische Schwarz-Weiß-Fotografie einer Familienrunde mit acht Erwachsenen an einem gedeckten Tisch.

Eine Familienrunde am Tisch – gemeinsam essen gehörte zum Alltag. Ob allen dasselbe schmeckte, war eine andere Frage. Historische Fotografie, Privatarchiv K.-H. Merk.“

Die drei Erinnerungen führen in unterschiedliche Familien und Lebensverhältnisse.

Bei Gabriele ging es um Regeln und darum, dass ein nicht aufgegessener Teller nicht einfach verschwand. Bei Otto bestimmten die Arbeit auf dem Hof und die Notwendigkeit, alle satt zu bekommen, den täglichen Speiseplan. Burgis Geschichte wiederum erinnert daran, dass selbst ein wertvolles Lebensmittel nicht jedem schmecken musste.

Gemeinsam ist diesen Erinnerungen, dass Kinder beim Essen oft wenig Auswahl hatten. Was gekocht wurde, stand auf dem Tisch. Persönliche Vorlieben spielten eine Rolle – aber nicht unbedingt bei der Entscheidung, was es zu essen gab.

Das bedeutet nicht, dass früher grundsätzlich strenger oder schlechter gegessen wurde. Auch damals gab es Lieblingsgerichte, besondere Festessen und kleine Freuden. Aber der Spielraum, ein Essen abzulehnen oder sich etwas anderes zu wünschen, war häufig enger.

Was uns im Gedächtnis bleibt

Bemerkenswert ist, wie deutlich sich gerade ungeliebte Gerichte einprägen können.

Gabriele erinnert sich an die Schärfe des Meerrettichgemüses und die Aussicht, es wieder vorgesetzt zu bekommen. Otto hat den Geschmack der täglichen Brotsuppe und des süßen Mehlbreis nicht vergessen. Und Burgi weiß noch, dass ausgerechnet das Stück Butter zur Erstkommunion für sie kein schönes Geschenk war.

Solche Erinnerungen gehören ebenso zur Geschichte unserer Esskultur wie der Duft frisch gebackener Kuchen oder das Lieblingsessen zum Geburtstag.

Denn nach Kindheit schmeckt nicht nur das, was wir geliebt haben. Manchmal bleibt uns gerade das in Erinnerung, was wir lieber nicht gegessen hätten.

Aus "Geschmack der Kindheit"

Die Erinnerungen von Gabriele Haldenmayr sowie Otto und Burgi Mayer sind Teil unseres Buches Der Geschmack der Kindheit. Sie zeigen, wie unterschiedlich Familienalltag, Essgewohnheiten und persönliche Vorlieben erlebt wurden.

Gabriele erzählt auf den Seiten 144–145 von ihrer Kindheit und dem ungeliebten Meerrettichgemüse. Weitere Erinnerungen von Otto und Burgi finden sich an verschiedenen Stellen des Buches, unter anderem zu Brotsuppe und Erstkommunion.

 

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