Ein bisschen Zucker, ein großes Glück?

Was nach Kindheit schmeckt | Folge 3
Brot, Wasser und ein wenig Zucker – mehr brauchte es nicht für eine kleine Süßigkeit. Monika Beeger erinnert sich an das Zuckerbrot ihrer Kindheit, an Mehlsuppe, heimliche Naschereien und Schokolade, die einen ganzen Monat reichen musste. Eine Geschichte über bescheidene Freuden und darüber, wie sich der Wert des Süßen verändert hat.

Zwei Mädchen mit Puppenwagen – eine Kindheit in den Nachkriegsjahren. Das historische Familienfoto begleitet Monika Beegers Erinnerungen an eine Zeit, in der selbst ein einfaches Zuckerbrot etwas Besonderes sein konnte.
GESCHMACK → ERINNERUNG | Historische Fotografie: Privatarchiv Monika Beeger.

Ein Brot mit Zucker – und schon war es etwas Besonderes
„Oder Zuckerbrot“, sagt Monika Beeger, als wir sie nach den Brotzeiten ihrer Kindheit fragen. „Das ist, wenn man Wasser schräg drüber laufen lässt aufs Brot und dann Zucker drüber.“
So einfach ging das. Ein Stück Brot, ein wenig Wasser, etwas Zucker. Fertig war die Süßigkeit.
War das nun etwas zum Naschen oder eine richtige Mahlzeit?
„Das ist was Süßes. Also ja, ja, aber auch zum Sattwerden“, erklärt Monika.
Manchmal wurde das Brot auch heimlich genommen. Wenn sie frisches Brot für die Familie holen musste, riss sie unterwegs schon einmal einen Ranken ab. Frisches Brot schmeckte schließlich besonders gut. Es ist eine jener kleinen Kindheitserinnerungen, die auch nach vielen Jahrzehnten noch lebendig sind. Man kann sich das Mädchen beinahe vorstellen, wie es mit dem Brot nach Hause geht und der Versuchung nicht widerstehen kann.
Ein Alltag, in dem alle mithelfen mussten
Monika wurde 1948 in Buchloe geboren. Ihre Familie war nach dem Krieg aus Schlesien nach Bayern gekommen. Sie wuchs mit vielen Geschwistern auf. Ihre ältere Schwester Ursula, genannt Uschi, war für sie fast wie eine zweite Mutter.
Viel Geld gab es nicht. Zum Frühstück stand häufig Mehlsuppe auf dem Tisch: Wasser, Mehl, vielleicht ein wenig Zucker. Wenn Brot vorhanden war, gab es etwas dazu.
Uschi erinnert sich, wie nach der Schule schon der Leiterwagen bereitstand. Die Kinder mussten in den Wald, um Holz zu holen. Auch auf den Feldern der Bauern wurde mitgearbeitet. Für die Hilfe bei der Kartoffelernte oder beim Heumachen gab es Lebensmittel für den Winter. Was heute nach einem ungewöhnlich harten Kinderalltag klingt, war damals für viele Familien eine Notwendigkeit. Jeder musste mithelfen, damit alle über die Runden kamen.
Und trotzdem erzählen Monika und Uschi nicht ausschließlich von Entbehrungen. In ihren Erinnerungen finden sich auch gute Mahlzeiten bei den Bauern, kleine Freiheiten und die Freude darüber, wenn es einmal etwas Besonderes gab.

Familienleben in den Nachkriegsjahren – viele Kinder, wenig Platz und ein Alltag, in dem alle mithelfen mussten.
Historische Fotografie: Privatarchiv Monika Beeger.
Schokolade für einen ganzen Monat
Besonders schön ist Monikas Erinnerung an die Schokolade. Wenn der Vater seine monatliche Rente bekam, erhielten die Kinder Blockschokolade. Die musste für den ganzen Monat reichen. Die Mutter bekam eine bessere Sorte. Und wenn die Kinder ihre Schokolade schon aufgegessen hatten, gab sie ihnen manchmal etwas von ihrer eigenen ab. Eine kleine Geste, die Monika nicht vergessen hat.
Es sind oft solche scheinbar nebensächlichen Dinge, die sich besonders tief einprägen. Nicht unbedingt das große Festessen, sondern der Geschmack einer seltenen Süßigkeit. Und die Erinnerung daran, dass jemand etwas mit einem geteilt hat.

Eine Familienrunde am gedeckten Tisch – ein Moment des Beisammenseins im Alltag der Nachkriegszeit.
Historische Fotografie: Privatarchiv Monika Beeger.
Nicht jede Kindheit schmeckt gleich
In unserer vorherigen Geschichte haben wir Gabriele kennengelernt. Sie durfte sich zum Geburtstag ihr Lieblingsessen wünschen: Spinat mit Goldwürfeln. Monika dagegen erinnert sich nicht an gefeierte Kindergeburtstage.
„Kenn ich nicht sowas. Wir kannten als Kinder keine Geburtstage“, antwortet sie auf unsere Frage nach den Familienfesten.
Die beiden Erinnerungen liegen zeitlich gar nicht so weit auseinander. Und doch erzählen sie von sehr unterschiedlichen Lebenswelten. Bei Gabriele gehörte ein selbst gewähltes Lieblingsessen zum Geburtstag. Bei Monika konnte schon ein Stück Zuckerbrot etwas Besonderes sein.
Natürlich war nicht alles leicht. Monika und Uschi erlebten die Schwierigkeiten einer Flüchtlingsfamilie, Ausgrenzung und einen Vater, dessen Strenge auch Gewalt bedeutete. Aber ihre Erinnerungen erschöpfen sich nicht darin. Sie erzählen auch von Zusammenhalt, von kleinen Freuden und von Menschen, die ihnen Gutes taten.
Vielleicht ist gerade das bemerkenswert: Wie unterschiedlich ein Leben gewesen sein kann – und wie viel Wärme trotzdem in der Erinnerung bleibt.
Als Zucker noch etwas Besonderes war
Heute ist Zucker beinahe überall. In Süßigkeiten, Getränken, Frühstücksprodukten und zahllosen verarbeiteten Lebensmitteln. Wir diskutieren über zu hohen Zuckerkonsum, über gesunde Ernährung und darüber, ob stark gezuckerte Getränke zusätzlich besteuert werden sollten.
Monikas Zuckerbrot erzählt von einer anderen Zeit. Damals war ein wenig Zucker auf dem Brot etwas Begehrtes. Heute versuchen viele Menschen, weniger davon zu essen.
Der Zucker selbst hat sich nicht verändert. Verändert haben sich unsere Lebensbedingungen, unsere Ernährung und die Bedeutung, die wir bestimmten Lebensmitteln geben. Was für ein Kind einmal eine kleine Kostbarkeit war, erscheint einer späteren Generation womöglich kaum noch erwähnenswert. Und doch steckt in solchen Erinnerungen ein Stück Alltagsgeschichte, das keine Statistik erzählen kann.
Was bleibt
Monika Beeger hat uns ihre Geschichte mit großer Offenheit erzählt. Gemeinsam mit ihrer Schwester Uschi und ihrer Freundin Else erinnerte sie sich an den Alltag ihrer Kindheit – an schwierige Zeiten, aber auch an vieles, worüber sie noch Jahrzehnte später sprechen und lachen konnten.
Monika ist im Frühjahr 2026 nach kurzer Krankheit verstorben. Nur vier Wochen später starb auch ihre ältere Schwester Uschi.
Umso kostbarer sind die Erinnerungen, die sie uns hinterlassen haben.
Das Zuckerbrot war keine große kulinarische Erfindung. Nur Brot, Wasser und ein wenig Zucker. Aber manchmal steckt in einem so einfachen Geschmack ein ganzes Stück Leben.

Aus „Geschmack der Kindheit“
Monika Beeger (1948–2026) und ihre ältere Schwester Ursula „Uschi“ Pietschmann (1941–2026) erzählen in Geschmack der Kindheit von ihrer Kindheit in Buchloe, vom Ankommen als Flüchtlingsfamilie und vom Alltag einer großen Familie, in der alle mithelfen mussten.
Geschmack der Kindheit. Essen, Kochen und Leben 1930–1960, herausgegeben von Edith Schenk und Cornelia Trischberger, S. 108–109.
Die Erinnerungen an das Zuckerbrot und die monatliche Schokolade stammen aus unserem ausführlichen Gespräch mit Monika, Uschi und Else Schmeiser.

Reihen und Dossiers
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Was bleibt vom Geschmack unserer Kindheit? Manchmal ist es der Duft eines frisch gebackenen Kuchens, manchmal ein…