Wenn die Ernte eingebracht war

Herbstgeschichten · #5
Erntedank zum Abschluss unserer Herbstgeschichten
Zwetschgen wurden geerntet und verarbeitet, Kraut eingeschnitten, Kartoffeln aus der Erde geholt. Was Garten und Feld hergaben, wurde eingelagert, eingekocht oder auf andere Weise für den Winter haltbar gemacht.
Irgendwann aber war die Arbeit getan. Das Getreide war geschnitten, die Kartoffeln lagen im Keller, die Vorräte waren angelegt.
Es war Zeit, Danke zu sagen – und zu feiern.

Erntezeit – wenn die Arbeit auf den Feldern geschafft war, gab es Grund zu feiern.
Quelle: Familienarchiv Schenk
Wenn die letzte Garbe gebunden war
In unseren Herbstgeschichten haben wir in den vergangenen Wochen einiges von dem verfolgt, was früher den Spätsommer und Herbst bestimmte: ernten, verarbeiten, einlagern und vorsorgen.
Aber auch diese arbeitsreiche Zeit hatte ein Ende.
Wenn das Getreide eingebracht und die letzte Garbe gebunden war, wurde gefeiert. Im schwäbischen Raum kannte man dafür die Sichelhenke – das Fest nach dem Einbringen der Ernte. Sensen und Sicheln wurden mit Blumen, Kränzen und Ähren geschmückt, es gab Musik, Tanz und gutes Essen. In Geschmack der Kindheit findet sich dafür im Glossar die knappe Übersetzung: „Sichelhenke – Erntedank(fest)“.
Daneben stand der kirchliche Erntedank. Anfang Oktober kamen Früchte, Getreide, Gemüse, Brot und Blumen auf den Erntealtar – als Zeichen des Dankes für die Gaben der Erde.
Wie aber sah das „gute Essen“ aus, wenn die Ernte geschafft war?
Manchmal erstaunlich einfach.


Die Ernte bestimmte über Wochen den Arbeitsalltag. Erst wenn sie eingebracht war, konnte gefeiert werden.
Quelle: Privatarchiv Edith Schenk

Ein Pfund Leberkäse vom Metzger
Im Interview für Geschmack der Kindheit erinnert sich Dr. Otto Mayer mit großem Respekt und liebevoller Wertschätzung für seine Eltern an seine Kindheit in der kinderreichen Familie. Die Eltern bewirtschafteten unter sehr einfachen Verhältnissen einen kleinen Bauernhof. Nahezu alles, was auf den Tisch kam, wurde selbst erzeugt. Und sehr viel mehr konnte auch nicht erwirtschaftet werden. Auch geschlachtet wurde zu Hause: Es gab Blutwurst, Presssack und Leberwurst – aber keinen Leberkäse.
„Gekaufte Wurst“ war etwas Besonderes.
Einmal im Jahr durften die Kinder sich eine Wurst wünschen. Das war zur Sichelhenke, erinnert sich Otto Mayer, „wenn alles Getreide geschnitten war“.
Sein Wunsch ließ keine Fragen offen: ein ganzes Pfund Leberkäse vom Metzger.
Er bekam ihn – und die Freude darüber war offenbar so groß, dass er sich bei seinem Festessen ein wenig überschätzte. Die Geschichte jedenfalls blieb bis heute in lebhafter Erinnerung.
Vielleicht erzählt gerade diese kleine Episode besonders schön, was ein Festessen damals sein konnte. Nicht unbedingt etwas Kostbares oder Aufwendiges. Besonders war manchmal einfach das, was es sonst nicht gab.
Ein ‚besseres‘ Essen nach der Ernte
Auch Abt em. Johannes Schaber OSB erzählt in seinem Beitrag für Geschmack der Kindheit von einem solchen Essen. Als weltliches Beispiel beschreibt er das Leben der Familie Zettler/Fürgut aus Wolfartsberg bei Obergünzburg. Grundlage sind dabei die Erinnerungen von Lucia Zettler und Aufzeichnungen ihrer Mutter Maria Fürgut.
Nach dem letzten Grasschnitt im Herbst, mit dem das Grünland winterfest gemacht wurde, und nach der Ernte gab es aus Dankbarkeit ein „besseres“ Essen.
Auf den Tisch kamen Kartoffeln, Milch und ein „Stinkkäse“.
Mehr brauchte es offenbar nicht, um aus einer Mahlzeit etwas Besonderes zu machen.
Denn hinter diesem Essen lag die Arbeit eines ganzen Sommers. Die Ernte war eingebracht. Die Vorräte waren angelegt. Man wusste wieder ein Stück weit, wovon man in den kommenden Monaten leben würde.
Was davon geblieben ist
Heute hat sich dieses Verhältnis zur Ernte grundlegend verändert. Die wenigsten von uns leben noch von dem, was auf den eigenen Feldern und im eigenen Garten wächst. Kartoffeln müssen nicht bis zur nächsten Ernte reichen, Obst und Gemüse gibt es nahezu das ganze Jahr – und ein Pfund Leberkäse vom Metzger ist kein seltenes Festessen mehr.
Und doch ist das Erntedankfest geblieben.
Noch immer werden Anfang Oktober die Altäre mit Getreide und Brot, Obst, Gemüse und Blumen geschmückt. Was früher unmittelbar für die Versorgung einer Familie stand, wird dort noch einmal sichtbar zusammengetragen.
Vielleicht schauen wir heute anders auf diese Gaben als die Generationen vor uns. Der Dank dafür, dass die eigene Ernte für den Winter reichen wird, bestimmt unseren Alltag kaum noch.
Aber auch heute kommt das Essen auf unserem Tisch nicht aus dem Nichts. Es braucht Boden, Wasser und Wetter, Arbeit, Erfahrung und Zeit.
Erntedank gibt all dem wenigstens einmal im Jahr einen sichtbaren Platz.


Gut zu wissen
Sichelhenke und Erntedank – ist das dasselbe?
Ganz trennscharf sind die Begriffe nicht.
Die Sichelhenke bezeichnete das Fest nach dem Einbringen der Ernte. Wenn die letzte Garbe gebunden war, schmückten die Mäher Sensen und Sicheln mit Blumen, Kränzen und Ähren und feierten mit Musik, Tanz und gutem Essen.
In Geschmack der Kindheit wird „Sichelhenke“ im Glossar deshalb kurz mit „Erntedank(fest)“ erklärt.
Das kirchliche Erntedankfest wird Anfang Oktober gefeiert. Der Erntealtar wird mit Früchten, Getreide, Gemüse, Brot und Blumen geschmückt; in vielen schwäbischen Gemeinden gehörte auch eine Speisenweihe dazu.
Beide stehen für denselben Einschnitt im Jahreslauf: Die Ernte ist eingebracht.
Aus „Geschmack der Kindheit“
Die Erinnerung von Dr. Otto Mayer an das Pfund Leberkäse zur Sichelhenke und das von Abt em. Johannes Schaber OSB überlieferte „Erntedank-Essen mit Stinkkäse“ stammen aus unserem Buch:
GESCHMACK DER KINDHEIT
Essen, Kochen und Leben 1930 bis 1960 – erzählt von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, erklärt von Expertinnen und Experten
Darin erzählen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen vom Essen und Kochen, von Arbeit und Vorratshaltung, von Festen und vom Alltag einer Zeit, in der der Jahreslauf noch sehr unmittelbar bestimmte, was auf den Tisch kam.
Einordnung
Vom Ernten zum Danken
Mit Erntedank endet auch unsere Reihe Herbstgeschichten.
Wir haben Zwetschgen geerntet und gebacken, Kraut eingeschnitten und fermentiert, Kartoffeln aus der Erde geholt und uns daran erinnert, wie Lebensmittel für den Winter haltbar gemacht wurden.
Es waren unterschiedliche Geschichten – und doch gehören sie zusammen. Denn hinter ihnen steht ein Jahreslauf, der den Alltag früher sehr viel stärker bestimmte als heute.
Erntedank setzt den Schlusspunkt: Die Ernte ist eingebracht, die Vorräte sind angelegt. Was über Wochen und Monate Arbeit gemacht hat, bekommt noch einmal einen besonderen Platz.
Und vielleicht ist das bis heute der schönste Gedanke dieses Festes: für einen Moment wahrzunehmen, was da ist – bevor schon wieder das Nächste beginnt.

Reihen und Dossiers
Dieser Inhalt ist Teil von…

Reihe
Herbstgeschichten
Wenn die Tage kürzer werden, verändert sich auch die Küche. Zwetschgen, Äpfel, Ernte und Vorräte erzählen davon,…


