Wenn der Spätsommer nach Zwetschgendatschi schmeckt

Herbstgeschichten · #1

Über Zwetschgenzeit, Vorräte und einen Kuchen, der jedes Jahr wiederkommt

Reife blaue Zwetschgen und einige halbierte Früchte auf einem hellen Holztisch

Es gibt diese Tage im Spätsommer, an denen der Sommer noch einmal alles gibt: Die Luft ist warm, aber nicht mehr schwer, die Sonne steht schon etwas tiefer, und in den Gärten hängen die Zwetschgen dunkel und prall an den Bäumen.

Noch ist vieles grün. Und doch kündigt sich der Wechsel der Jahreszeit bereits an. Auf den Feldern wird geerntet, in den Gärten werden Äpfel und Zwetschgen reif – und in den Küchen beginnt eine Zeit, in der wieder eingekocht, gebacken und für später bewahrt wird.

Der Zwetschgendatschi gehört zu diesen Wochen wie kaum ein anderer Kuchen. Er ist einfach, saisonal und für viele mit Erinnerungen verbunden. Ein Blech voller Zwetschgen, Hefeteig und Streusel – und ein Duft, der schon beim Backen verrät: Der Sommer geht langsam zu Ende.

Foto: Edith Schenk – KULINAVI.de

 

Vom Obstgarten auf den Kuchenteller

Zwetschgen haben ihren großen Auftritt im Spätsommer. Dann sind sie reif, aromatisch und zugleich süß und säuerlich. Und lange bevor Obst aus aller Welt beinahe unabhängig von der Jahreszeit verfügbar war, bestimmten solche Erntezeiten ganz selbstverständlich, was auf den Tisch kam.

Was gerade reif war, wurde gegessen – oder verarbeitet.

Aus Zwetschgen wurde Mus gekocht, sie wurden eingemacht, getrocknet oder zu Kuchen verarbeitet. So entstanden Gerichte, die wir heute oft als traditionelle Küche bezeichnen, zunächst aus etwas sehr Alltäglichem: Man verwendete das, was gerade da war.

Wenn die Jahreszeit den Speiseplan bestimmte

Heute können wir vieles nahezu das ganze Jahr über kaufen. Die Verbindung zwischen Jahreszeit und Speiseplan ist dadurch weniger selbstverständlich geworden.

Gerade deshalb erzählen saisonale Gerichte noch etwas von einem anderen Umgang mit Lebensmitteln. Nicht alles war jederzeit verfügbar. Manche Dinge gab es nur für einige Wochen – und genau deshalb gehörten sie zu dieser bestimmten Zeit.

Der Zwetschgendatschi ist dafür ein schönes Beispiel. Natürlich könnte man Zwetschgen einfrieren und ihn irgendwann im Winter backen. Aber sein besonderer Platz im kulinarischen Kalender liegt eben jetzt: wenn die Früchte reif vom Baum kommen.

Das Mus verfolgt einen anderen Gedanken. Es macht aus der kurzen Erntezeit einen Vorrat für die kommenden Monate.

Das Mus bewahrt etwas vom Sommer für später.
Der Datschi wird genossen, solange die Zwetschgen Saison haben.

Backblech mit Hefeteig und dicht aufgelegten, eingeschnittenen Zwetschgen für einen Zwetschgendatschi

Für den Datschi werden die Zwetschgen halbiert und jede Hälfte noch einmal eingeschnitten. So entstehen die typischen vier Spitzen. Die Früchte werden mit der Schnittfläche nach oben dicht auf den Hefeteig gesetzt.

Ein Kuchen, der jedes Jahr wiederkommt

Vielleicht sind es gerade solche Gerichte, an denen wir Jahreszeiten besonders deutlich wahrnehmen.

Der erste Spargel. Die ersten Erdbeeren. Ein Apfelkuchen im Herbst. Plätzchen im Advent. Und eben der Zwetschgendatschi im Spätsommer.

Sie kommen wieder – aber nicht jeden Tag.

Und vielleicht ist genau das ein Teil ihres Reizes. Wir müssen nicht alles jederzeit haben. Manches schmeckt gerade deshalb besonders, weil wir wissen, dass seine Zeit begrenzt ist.

Beim Datschi kommt noch etwas anderes hinzu: Er ist kein Kuchen, der viel Aufhebens um sich macht. Ein Hefeteig, viele Zwetschgen und Streusel. In unserer Variante sind diese Streusel nicht hart und knusprig, sondern weich, geschmeidig und buttrig. Die Früchte geben beim Backen ihren Saft ab, der sich mit Teig und Streuseln verbindet.

Ein Kuchen, der nicht spektakulär sein will – und gerade deshalb vertraut schmeckt.

Stück Zwetschgendatschi mit Streuseln auf einem weißen Teller, daneben frische und aufgeschnittene Zwetschgen

Zwetschgendatschi mit Streuseln – nach einem Rezept von Monika Zeller.

 

 

Nachgebacken: Zwetschgendatschi mit Streuseln

Das Rezept stammt von Monika Zeller und findet sich auch in unserem Buch Der Geschmack der Kindheit. Für KULINAVI haben wir den Datschi noch einmal gebacken – und dabei einen kleinen, aber wichtigen Handgriff genauer festgehalten:

Die Zwetschgen werden nicht nur halbiert. Jede Hälfte wird nochmals eingeschnitten, sodass aus einer Zwetschge vier Spitzen entstehen. Mit der Schnittfläche nach oben und dicht an dicht auf den Hefeteig gelegt, entsteht das charakteristische Bild des Datschis.

Die weichen, buttrigen Streusel kommen darüber – dann darf der Ofen den Rest übernehmen.

Zum Rezept: Zwetschgendatschi mit Streuseln

Wenn der Sommer langsam geht

Vielleicht ist der Zwetschgendatschi deshalb mehr als nur ein Kuchen der Saison.

Er markiert einen kleinen Übergang. Draußen ist es noch warm, auf den Bäumen hängen noch Früchte, und doch verändert sich etwas. Die Ernte beginnt, die Tage werden kürzer, und in der Küche tauchen Gerichte auf, die wir fast vergessen hatten.

Einige Früchte werden eingekocht und begleiten uns durch den Winter. Andere landen auf dem Blech und werden gleich gegessen.

Das eine bewahrt den Sommer für später.
Der Datschi gehört zu den Dingen, die wir genießen, solange ihre Zeit da ist.

Und vielleicht schmeckt man genau das in einem Stück Zwetschgendatschi: dass der Herbst nicht an einem bestimmten Tag beginnt – sondern manchmal ganz einfach in der Küche.

Einordnung

Dieser Beitrag ist Teil des KULINAVI-Dossiers „Herbstgeschichten“. Es versammelt Beobachtungen, Rezepte und Geschichten rund um Erntezeit, Vorratshaltung und jene Gerichte, die den Übergang vom Sommer in den Herbst begleiten.

Der Zwetschgendatschi gehört in Bayerisch-Schwaben zu diesen vertrauten Spätsommergerichten. Die Zwetschgen kommen aus dem Garten oder vom Markt, werden eingekocht, eingefroren – oder landen auf einem Blech Hefeteig. So verbindet ein einfacher Kuchen Saison, Region und Erinnerung.

Reihen und Dossiers

Dieser Inhalt ist Teil von…

Wenn die Tage kürzer werden, verändert sich auch die Küche. Zwetschgen, Äpfel, Ernte und Vorräte erzählen davon,…

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