Der Markt von Luino – was ist eigentlich „typisch italienisch“?

Sommerfundstücke aus Italien · #7
Jeden Mittwoch ist Markt in Luino. Seit fast 500 Jahren.
Und seit mehr als 40 Jahren gehört er auch zu meinen Sommern am Lago Maggiore. Vieles ist geblieben. Und doch sieht der Markt heute anders aus als früher.

Mittwoch ist Markttag
Obst und Gemüse, Käse, Salami, Oliven – und dazwischen Kleidung, Taschen, Schuhe und vieles mehr.
Der Wochenmarkt gehört seit Jahrhunderten zu Luino und längst auch zum touristischen Bild des Lago Maggiore.
Foto: Edith Schenk – KULINAVI.de
1541 erhielt Luino von Kaiser Karl V. das Marktrecht, zunächst im Wechsel mit dem benachbarten Maccagno, seit 1543 findet der Markt jeden Mittwoch statt. Was einmal vor allem Handelsplatz für die Menschen der Region war, wurde im Laufe der Zeit selbst zu einer Sehenswürdigkeit.
In diesen Jahrzehnten hat sich der Markt verändert. Und manches davon fällt vielleicht erst auf, wenn man sich daran erinnert, wie es früher war.
Für mich waren lange vor allem die Lederwaren ein Grund, mittwochs über den Markt zu gehen: Schuhe, Taschen, Gürtel – oft von erstaunlich guter Qualität. Dazu kamen Strickwaren und Mode.
Und manchmal hatte der Markt sogar etwas von einer kleinen Vorschau: Im Sommer konnte man hier schon Farben, Schnitte und Materialien entdecken, die im kommenden Herbst und Winter auch bei uns in den Geschäften auftauchten.

Der Markt verändert sich. Zwischen traditionellen Angeboten finden sich heute deutlich mehr günstige Kleidung, Accessoires und Massenware. Foto: Edith Schenk – KULINAVI.de

Ein Markt im Wandel
Heute sieht vieles anders aus.
Noch immer findet sich zwischen den Ständen Schönes und Besonderes. Aber sehr viel mehr Platz als früher nehmen günstige Kleidung, Taschen, Accessoires, Spielzeug und allerlei Massenware ein. „Made in Italy“ ist dabei keineswegs selbstverständlich.
Manches, was auf den ersten Blick wunderbar mediterran oder exotisch aussieht, erzählt bei genauerem Hinsehen eher von globalen Lieferketten als von italienischem Handwerk.

Und dann ist da der Lebensmittelmarkt
Für mich war er immer der eigentlich sinnliche Teil des Marktes: Käse und Salami, Gemüse und Obst, Oliven, eingelegte Tomaten, Brot. Schauen, riechen – und natürlich probieren.
Auch dieser Teil erscheint mir heute deutlich kleiner als früher. Dafür verspricht das Angebot beinahe eine kulinarische Reise durch ganz Italien: sizilianische Spezialitäten neben Salami aus anderen Regionen, Käse in großer Auswahl, Oliven, Antipasti und eingelegtes Gemüse.
Was wir als Urlauber als „italienischen Markt“ wahrnehmen, muss also längst nicht aus der unmittelbaren Umgebung stammen.
Oliven, Antipasti und Spezialitäten aus verschiedenen Regionen Italiens gehören für viele Besucher zum Markterlebnis.


Selbstverständlich wird auf Wunsch vakuumverpackt. Schließlich soll ein Stück Italien mit nach Hause.
Und probiert wird ebenfalls ausgiebig. Eine Olive hier, ein Stück Käse dort, ein Scheibchen Salami am nächsten Stand. Wer seine Runde geschickt plant, könnte den Markt beinahe satt verlassen, ohne ein einziges Panino gekauft zu haben.
Aber für wen ist dieser Markt heute eigentlich da?
Während wir Urlauber zwischen Melonen, Salami und Oliven das „typisch Italienische“ suchen, sieht der Alltag der Menschen, die hier leben, längst anders aus. Auch in Italien wird im Supermarkt und beim Discounter eingekauft, auf Preise geachtet und pragmatisch entschieden.
Der Markt ist Handelsplatz geblieben. Aber er ist eben auch Ausflugsziel, touristische Attraktion und ein Ort geworden, an dem sich unsere Vorstellungen von Italien ziemlich zuverlässig wiederfinden.
Vielleicht ist das nach einigen Wochen voller kleiner Beobachtungen ein guter Punkt, um meine Sommerfundstücke zu beenden.
Denn hinter Espresso, Aperitivo, Coperto, Trinkgeld und Wochenmarkt steckt am Ende dieselbe Frage:
Wie viel von dem Italien, das wir im Urlaub so lieben, ist italienischer Alltag – und wie viel davon ist die Vorstellung, die wir selbst mitbringen?
Vielleicht gehört auch das zum Reisen: nicht nur das zu finden, was man erwartet hat. Sondern hin und wieder genauer hinzusehen.
Einordnung
Der Markt von Luino – Tradition und Touristenattraktion zugleich.
Seit 1541 besitzt Luino das Marktrecht, seit 1543 findet der Markt mittwochs statt. Aus einem regionalen Handelsplatz wurde über die Jahrhunderte einer der bekanntesten Wochenmärkte am Lago Maggiore.
Märkte verändern sich mit ihren Besuchern, ihren Waren und dem Alltag der Menschen vor Ort. Was uns heute „typisch italienisch“ erscheint, ist deshalb immer auch eine Momentaufnahme – und manchmal ein Bild, das wir selbst mitbringen.
Mit dem Markt von Luino enden meine Sommerfundstücke aus Italien: kleine Beobachtungen über Essen, Genuss und italienischen Alltag – und über das, was wir selbst längst mit Italien verbinden.
Arrivederci, Sommerfundstücke.

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