Ein Schulkochheft erzählt Geschichte.

Kochbuchgeschichten | Folge 3

Was Maria Schusters Kochheft über den Alltag einer ganzen Generation verrät

Im letzten Beitrag erzählte ein handgeschriebenes Familienkochbuch von Liebe, Ankommen und einem neuen Leben in einer Bäckerei.

Diesmal führt unsere Reise an einen ganz anderen Ort. Nicht in eine Familienküche. Sondern in ein Klassenzimmer. Genauer gesagt: in den Kochunterricht einer Berufsschule für Mädchen – vermutlich Ende der 1930er Jahre. Dort entstand dieses kleine Heft. Niemand schrieb es mit dem Gedanken, dass es eines Tages einmal von historischem Interesse sein könnte. Und gerade deshalb lohnt sich heute ein genauer Blick.

Kochheft einer Berufsschülerin aus Mindelheim mit handbeschriebenem Titelblatt auf salbeigrünem Hintergrund.

Maria Schusters Kochheft entstand vermutlich Ende der 1930er Jahre während des Kochunterrichts an der Berufsschule in Mindelheim. Heute bewahrt ihre Tochter Gabriele das Heft als Erinnerung an ihre Mutter auf.

Ein Heft, das man fast übersehen würde

Es ist kein besonders schönes Buch. Kein Ledereinband. Keine Goldprägung. Nicht einmal ein richtiges Kochbuch. Es ist einfach ein Schulheft. Ein schlichter Pappdeckel. Karierte Seiten.

Und eine Handschrift, die sofort auffällt.

Noch bevor man das erste Rezept liest, bleibt der Blick an den Buchstaben hängen. Zeile für Zeile ist sorgfältig geschrieben, fast ohne Korrekturen. Jede Überschrift wirkt sauber gestaltet.

Für viele von uns ist diese Schrift heute ungewohnt geworden. Die Überschriften sind überwiegend in lateinischer Schreibschrift verfasst, während der Fließtext Merkmale der damals gebräuchlichen deutschen Schreibschrift zeigt. Solche Mischformen waren in den 1930er Jahren keineswegs ungewöhnlich. Sie erzählen von einer Zeit, in der sich auch der Schriftunterricht im Wandel befand.

Fast ebenso interessant wie die Schrift selbst ist die Sorgfalt, mit der sie ausgeführt wurde. Nichts wirkt flüchtig oder hastig notiert. Vieles spricht dafür, dass Maria Schuster ihre Aufzeichnungen nach dem Unterricht noch einmal sauber ins Reine übertragen hat. Solche Hefte dienten nicht nur als persönliche Rezeptsammlung, sondern waren häufig auch Teil der schulischen Leistung. Eine ordentliche Handschrift, ein sauber geführtes Heft und sorgfältiges Arbeiten gehörten ebenso selbstverständlich zum Unterricht wie das Kochen selbst. Allein diese ersten Seiten erzählen bereits erstaunlich viel über ihre Zeit.

Mehr als Mitschriften

Je länger man das Heft betrachtet, desto deutlicher wird, dass hier nicht einfach während des Unterrichts mitgeschrieben wurde. Vieles spricht dafür, dass Maria ihre Aufzeichnungen später sorgfältig ins Reine übertragen hat. Solche Kochhefte waren Arbeitsheft und persönliches Nachschlagewerk zugleich. Gleichzeitig spiegeln sie einen Unterricht wider, in dem Ordnung, Genauigkeit und eine saubere Handschrift selbstverständlich dazugehörten.

Kochen lernte man nicht nebenbei. Es war Teil der Ausbildung junger Frauen.  Nicht mit dem Ziel, Köchin zu werden. Sondern weil ein gut geführter Haushalt damals als selbstverständlicher Bestandteil des Erwachsenenlebens galt.

Ein Lehrplan zwischen Alltag und großer Küche

Beim Blättern fällt zunächst die Ordnung auf.

Suppen.

Gemüse.

Fleischgerichte.

Saucen.

Salate.

Mehlspeisen.

Fast wirkt das Heft wie ein kleiner Lehrplan. Und dann beginnt man, die Überschriften zu lesen: Gelberübensuppe, Selleriesuppe, Kartoffelsalat. Alles vertraut.

Doch plötzlich tauchen Namen auf wie Hirncroquettes, Ochs à la Robert, Russischer Rostbraten, Schwedischer Rostbraten oder Französische Juliennesuppe.

Wer ausschließlich bodenständige Hausmannskost erwartet hat, wird überrascht. Die französische Küche galt damals als Vorbild der gehobenen Kochkunst. Ihre Begriffe und Techniken fanden Eingang in Kochbücher und Unterricht. Gleichzeitig blieb die regionale Küche selbstverständlich bestehen.

Genau diese Mischung macht das Heft heute so spannend.

Aufgeschlagenes historisches Kochheft mit handgeschriebenen Rezepten in deutscher Schreibschrift, fotografiert auf einer Holzoberfläche.

Französische Rezeptnamen stehen ganz selbstverständlich neben regionalen Gerichten. Auch das gehörte zum Kochunterricht jener Zeit.

Wenn alte Gerichte Übersetzung brauchen

Je länger man liest, desto häufiger stößt man auf Begriffe, die heute fast vergessen sind.

Baumwollsuppe.

Katzagschrei.

Hirncroquettes.

Schon ihre Namen machen neugierig. Wer heute „Baumwollsuppe“ liest, denkt vermutlich zuerst an Stoff. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine feine, luftige Einlagesuppe, deren lockere Konsistenz wohl an weiche Baumwolle erinnern sollte. Andere Bezeichnungen erschließen sich erst durch den Dialekt oder durch alte Kochbücher. Gerade darin liegt einer der größten Reize solcher Quellen. Sie zeigen nicht nur, was gekocht wurde. Sie bewahren auch eine Sprache, die vielerorts längst verschwunden ist.

Zwischen den Zeilen

Im Kochheft Heute
Baumwollsuppe Luftige Suppe mit aufgeschlagener Ei-Mehl-Masse
Böffla Mod Boeuf à la mode – geschmorter Rinderbraten
Hirncroquettes Kroketten aus Kalbshirn
Gelbe Rüben Karotten

 

Was dieses Heft eigentlich erzählt

Je länger man in diesem Kochheft blättert, desto weniger denkt man an Rezepte. Man beginnt, die Zeit dahinter zu sehen. Man sieht junge Frauen, die im Unterricht sorgfältig mitschreiben. Man ahnt den Stolz auf ein ordentlich geführtes Heft. Man erkennt, welche Gerichte selbstverständlich waren und welche Kenntnisse später im Haushalt erwartet wurden.

Große Geschichte findet sich hier nicht, nichts Gesellschaftsrelevantes. Auch keine Schlagzeilen oder gar polizischer Kontext.  Was man findet, sind ansatzweiseweise Beschreibungen über Alltagsmilieus. Was hat man gekocht und gegessen, daraus lässt sich ein Bild entwickeln, wie man gelebt hat.

Und vielleicht liegt gerade darin der besondere Wert dieses kleinen Heftes. Es erzählt vom Alltag. Von dem, was Menschen ganz selbstverständlich taten und deshalb kaum für erzählenswert hielten.

Ein Schulheft als kulturhistorische Quelle

Historische Quellen entstehen nicht immer mit dem Anspruch, Geschichte festzuhalten. Gerade die unscheinbaren Dinge erzählen oft am meisten. Ein Schulkochheft zeigt, wie junge Frauen kochen lernten, welche Gerichte selbstverständlich waren und welche Sprache in den Küchen gesprochen wurde.

Es dokumentiert eine Esskultur, lange bevor Fernsehküche, Kochblogs oder soziale Medien unser Bild vom Kochen prägten. Vielleicht liegt genau darin seine eigentliche Bedeutung. Es erzählt Geschichte nicht aus der Sicht großer Ereignisse. Sondern vom Küchentisch aus.

Literaturbox

Quellen & Anregungen

  • Handschriftliches Kochheft von Maria Schuster (Privatarchiv Gabriele Haldenmayer)
  • Zeitzeugeninterview mit Gabriele Haldenmayer
  • Der Geschmack der Kindheit (Projektunterlagen)
  • Historische Kochbücher und hauswirtschaftliche Unterrichtsliteratur der 1930er Jahre

 

Geschmack der Kindheit

Ausblick

Dieses Kochheft werden wir bestimmt noch öfter aufschlagen.

Aber genauso neugierig sind wir auf andere handgeschriebene Hefte, Schulkochbücher, Familienrezepte und kleine Fundstücke, die den Weg zu KULINAVI finden. Denn manchmal erzählt eine einzige vergilbte Seite mehr über ihre Zeit als ein ganzes Geschichtsbuch.