Ein Kochbuch aus Liebe.

Kochbuchgeschichten | Folge 2

Wie eine Berlinerin in einer schwäbischen Bäckerfamilie eine neue Heimat fand

Manche Kochbücher beginnen mit einem Vorwort.

Dieses beginnt mit einer Liebesgeschichte.

Anfang der 1940er Jahre lernt eine junge Berlinerin während eines Kuraufenthalts in Bad Wörishofen einen jungen Bäcker kennen. Wenig später lebt sie in einer Welt, die ihr zunächst fremd ist: Familienbetrieb, Backstube und Küche unter einem Dach.

Das handgeschriebene Kochbuch, das dort über Jahrzehnte entsteht, enthält weit mehr als Rezepte. Es erzählt vom Ankommen, vom Lernen und davon, wie kulinarisches Wissen früher von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Historische Aufnahme einer Bäckerei in Bad Wörishofen mit hellem Passepartout als Headerbild zur KULINAVI-Reihe „Kochbuchgeschichten“.

Dieses Kochbuch wurde nie für die Öffentlichkeit geschrieben. Es entstand mitten im Alltag einer Bäckerei – Rezept für Rezept, über viele Jahrzehnte hinweg. Gerade deshalb erzählt es heute weit mehr als Rezepte: Es erzählt davon, wie aus zwei unterschiedlichen Lebenswelten ein gemeinsames Zuhause wurde.

Es beginnt mit einem Tanz

Bevor wir das Kochbuch aufschlagen, lohnt sich ein Blick auf die Geschichte, die ihm vorausgeht.

Sie beginnt nicht am Herd. Sie beginnt auf einer Tanzfläche. Anfang der 1940er Jahre verbringt eine junge Berlinerin einen Kuraufenthalt in Bad Wörishofen. Dort begegnet sie einem jungen Bäcker aus einer alteingesessenen Handwerkerfamilie. Er gilt als hervorragender Tänzer. Auch sie fällt auf – elegant, weltoffen und, wie alte Fotos später zeigen, außergewöhnlich schön. Aus der Begegnung wird eine Liebesgeschichte. Mit der Hochzeit beginnt zugleich ein völlig neues Leben.

Die junge Frau verlässt Berlin und zieht nach Bad Wörishofen. Nicht in ein eigenes Haus. Sondern in eine Bäckerei.

Eine andere Welt

Der Umzug bedeutet weit mehr als einen Ortswechsel. Die junge Berlinerin kommt in eine katholisch geprägte Kleinstadt, in der Traditionen den Alltag bestimmen. Sie selbst ist evangelisch. Die Tochter erinnert sich an Erzählungen ihrer Mutter, dass diese erste Zeit nicht immer einfach gewesen sei.

Vielleicht machte gerade der Kurort manches leichter. Seit Jahrzehnten kamen Gäste aus ganz Deutschland und auch aus dem Ausland nach Bad Wörishofen. Hochdeutsch war hier weniger fremd als anderswo. Trotzdem musste sich die junge Frau in vieles erst einfinden.

Nicht zuletzt in eine Küche, in der täglich für weit mehr Menschen gekocht wurde als nur für die Familie.

Detailaufnahme eines handschriftlichen Familienkochbuchs mit alphabetischen Registerreitern und handgeschriebenen Rezepten.

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Ein Kochbuch entsteht

Beim ersten Durchblättern fällt etwas Merkwürdiges auf. Man sucht vergeblich nach den vertrauten Kapiteln.

Keine Suppen. Keine Fleischgerichte. Keine Kuchen. Stattdessen folgen die Rezepte schlicht dem Alphabet. Apfelkuchen. Apfelsaft.

Einige Seiten weiter plötzlich „Rheinischer Bund“. Dazwischen Eingemachtes, Gemüse oder Mehlspeisen – immer dort, wo beim jeweiligen Anfangsbuchstaben gerade noch Platz war. Gerade diese ungewöhnliche Ordnung macht das Buch heute so spannend. Es wurde offenbar nie als Kochbuch geplant. Es entstand nach und nach. Immer dann, wenn ein neues Rezept hinzukam.

Es ist kein Buch für Leser. Es ist ein Buch für den Alltag.

Lernen am Herd

Warum dieses Kochbuch überhaupt entstand, erzählt die Tochter mit wenigen Sätzen. Ihre Mutter konnte zunächst kaum kochen. Also stellte sie sich neben ihre Schwiegermutter. Sie schaute zu. Sie schrieb mit. Nicht irgendwann später. Sondern während des Alltags.

So entstand Seite für Seite ein ganz persönliches Nachschlagewerk. Nicht nach den Regeln eines Verlags. Sondern nach den Bedürfnissen einer jungen Frau, die in einer neuen Familie ihren Platz fand. Damals wurde Kochwissen nur selten aufgeschrieben. Es wurde weitergegeben.

Von Mensch zu Mensch. Von Mutter zu Schwiegertochter.

Eine Küche für viele

Die Küche der Bäckerei war keine Familienküche im heutigen Sinn. Hier wurde täglich für viele Menschen gekocht.   Lehrlinge lebten im Haus. Ein oder mehrere Gesellen gehörte selbstverständlich dazu. Verkäuferinnen arbeiteten im Betrieb.

Mittags saßen alle gemeinsam am Tisch. Viele kamen aus umliegenden Dörfern und konnten ohne Bus oder Auto nicht nach Hause fahren. Die Großmutter stand schon früh am Morgen auf. Während in der Backstube längst gearbeitet wurde, bereitete sie das Mittagessen für eine kleine Hausgemeinschaft vor.

Gerade in der Kriegs- und Nachkriegszeit bedeutete eine Bäckerei auch Versorgung. Brot war vorhanden. Mit Bauern wurde getauscht. Später lebten Flüchtlinge im Haus. All das erzählt kein einzelnes Rezept. Aber das Kochbuch entstand genau in dieser Welt.

Ein Buch wächst mit seinem Leben

Wer länger in dem Kochbuch blättert, entdeckt noch etwas. Die Handschrift verändert sich. Auch die Tinte. Später kommen Kugelschreiber hinzu.

Zwischen den älteren Rezepten tauchen plötzlich Gerichte auf, die deutlich einer neuen Zeit angehören. Festliche Wildgerichte. Moderne Nachspeisen. Rezepte jener Jahre, die später oft als Zeit der „Fresswelle“ bezeichnet wurden.

Das Kochbuch blieb nicht stehen. Es wuchs weiter. Mit jeder Lebensphase seiner Besitzerin.

Gerade diese Gebrauchsspuren machen es heute zu einer außergewöhnlichen Quelle.

Nicht nur die Rezepte erzählen. Auch das Papier. Die Handschrift. Die Ergänzungen.

„Meine Mutter hat das aufgeschrieben, weil sie es eben nicht konnte. Sie hat meiner Großmutter beim Kochen zugeschaut und alles mitgeschrieben.“

Renate J., Tochter

 

Mehr als Rezepte

Fast neunzig Jahre sind vergangen, seit eine junge Berlinerin begann, die Rezepte ihrer neuen Familie aufzuschreiben. Die Schwiegermutter, die ihr damals am Herd alles zeigte, lebt längst nicht mehr. Auch die Frau, die dieses Kochbuch über Jahrzehnte führte, ist inzwischen verstorben.

Geblieben ist das Buch.

Heute schlägt ihre Tochter Renate die vergilbten Seiten auf. Sie erkennt die Handschrift ihrer Mutter. Sie erinnert sich an den großen Mittagstisch in der Bäckerei.

Und sie erzählt die Geschichten weiter, die zwischen den Rezepten verborgen liegen. Vielleicht ist genau das das Besondere an Familienkochbüchern. Sie werden von einer Generation geschrieben. Von der nächsten benutzt. Und von der übernächsten erzählt. So bewahren sie weit mehr als Rezepte. Sie bewahren Beziehungen.

Drei Frauen – ein Kochbuch

Dieses Familienkochbuch erzählt nicht nur vom Kochen. Es dokumentiert, wie kulinarisches Wissen früher weitergegeben wurde – nicht durch Kochbücher oder Kochsendungen, sondern im gemeinsamen Alltag.

Eine Schwiegermutter gibt ihre Erfahrung weiter. Eine junge Frau hält sie handschriftlich fest. Und Jahrzehnte später bewahrt ihre Tochter das Buch als Erinnerungsstück und historische Quelle. Gerade diese Verbindung macht das Kochbuch zu einem außergewöhnlichen Zeugnis der Alltags- und Esskultur.

Literaturbox

Quellen & Anregungen

  • Interview mit Renate Jamasebi (2024).
  • Der Geschmack der Kindheit – Zeitzeugen berichten (S. 25, 98, 105–106, 125, 146–147, 209–210).
  • Handschriftliches Familienkochbuch (Privatarchiv Renate Jamasebi).
Geschmack der Kindheit

Ausblick

Nicht jedes Kochbuch entstand in einer Familienküche. Schon bald schlagen wir ein ganz anderes Buch auf: ein Schulkochheft, mit dem Generationen junger Frauen kochen lernten. Auch darin spiegeln sich nicht nur Rezepte, sondern die Vorstellungen einer ganzen Zeit davon, was eine gute Hausfrau wissen und können sollte.