Festmahl oder Feldküche?

Kulinarische Zeitreisen

Frundsbergfest 2026 | Folge 5

Wie unterschiedlich Landsknechte und Herrschaften tatsächlich aßen

Vier Folgen lang haben wir uns auf eine kleine kulinarische Zeitreise begeben. Wir haben Brot als Teller kennengelernt, Weizengrütze gekocht und mit Agresta eine fast vergessene Würze wiederentdeckt. Doch eine Frage blieb noch offen: Wie wurde eigentlich gefeiert? 

Denn zwischen der einfachen Mahlzeit eines Landsknechts und der prächtigen Tafel eines Fürsten lagen Welten. Essen machte satt – aber es erzählte auch etwas über Reichtum, Macht und Gemeinschaft.

Historische Schwarzweiß-Ansicht der Mindelburg mit Burgturm und Brücke, eingebettet in einen alten Baumbestand.

Die Mindelburg oberhalb von Mindelheim war zu Frundsbergs Zeit Verwaltungssitz, Wohnort und Symbol herrschaftlicher Macht. Von hier aus wurde Geschichte geschrieben – und vermutlich auch so manches festliche Mahl geplant. Heute gehört die Burg zu den markantesten Erinnerungsorten der Stadt.

Wer über das Frundsbergfest schlendert, begegnet Landsknechten, Marketenderinnen, Handwerkern und vornehmen Damen. Über offenen Feuerstellen wird gekocht, in Schenken ausgeschenkt und auf den Tischen stapeln sich Brote, Braten und Krüge. Schnell entsteht der Eindruck, damals hätten alle ähnlich gegessen.

Doch genau das stimmt nicht.

So eindrucksvoll das Fest heute Geschichte lebendig werden lässt – der Speiseplan eines einfachen Landsknechts hatte mit den aufwendigen Mahlzeiten eines adeligen Hofes nur wenig gemeinsam. Zwischen Feldlager und Festtafel lagen Welten. Nicht nur beim Geschmack, sondern auch bei der Auswahl der Lebensmittel, der Zahl der Gänge und nicht zuletzt beim gesellschaftlichen Rang.

Gerade das macht den besonderen Reiz des Frundsbergfestes aus. Seit seiner ersten Durchführung 1976 in der heutigen Form ist es weit mehr geworden als ein historisches Fest, auf dem sich Menschen verkleiden. Erwachsene schlüpfen ebenso selbstverständlich in historische Rollen wie Kinder. Gemeinsam entsteht eine lebendige Kulisse, in der Geschichte nicht hinter Glas betrachtet, sondern erlebt werden kann. Wer genauer hinsieht, entdeckt dabei auch die Unterschiede, die den Alltag der Menschen im frühen 16. Jahrhundert geprägt haben.

Ein Landsknecht aß anders

Der Alltag eines Landsknechts war einfach. Brot gehörte zu jeder Mahlzeit, dazu Breie aus Getreide, Hülsenfrüchte, Kohl, Zwiebeln oder Käse. Fleisch war keineswegs selbstverständlich. Frisches Fleisch gab es nur gelegentlich; häufiger standen gepökeltes oder getrocknetes Fleisch sowie Speck auf dem Speiseplan. Getrunken wurde Bier oder dünner Wein, denn sauberes Trinkwasser war vielerorts keine Selbstverständlichkeit.

Gegessen wurde, was verfügbar war, satt machte und sich transportieren ließ. Die Küche musste praktisch sein. Für aufwendige Präsentationen blieb weder Zeit noch Geld.

Mehr als nur gutes Essen

Historische Kochbücher zeigen eindrucksvoll, wie kreativ diese höfische Küche war. Neben den alltäglichen Gerichten finden sich dort auch Speisen, die weniger dem Hunger als vielmehr dem Staunen dienten.

So begegnet man vier besonderen Kategorien:

Scheingerichte

Gerichte, die wie etwas anderes aussehen sollten. Aus Fisch wurde scheinbar Geflügel, aus Mandeln entstand künstlicher Käse oder aus Teig wurden täuschend echte Früchte geformt.

Schaugerichte

Prunkstücke für die Festtafel. Sie wurden kunstvoll aufgebaut, reich verziert und oft erst am Ende eines Festmahls präsentiert. Nicht selten waren sie Ausdruck des gesellschaftlichen Ansehens ihres Gastgebers.

Fastengerichte

An den zahlreichen Fasttagen des Kirchenjahres war Fleisch verboten. Die Köche reagierten mit erstaunlichem Einfallsreichtum: Fisch, Mandeln, Gemüse und Kräuter wurden so raffiniert verarbeitet, dass dennoch abwechslungsreiche und festliche Speisen entstanden.

Scherzgerichte

Manche Rezepte dienten schlicht der Unterhaltung. Historische Kochbücher enthalten zahlreiche humorvolle Einlagen, Rätselgerichte oder augenzwinkernde Anleitungen, die zeigen, dass bei aller Pracht auch gelacht werden durfte.

Ein Festmahl nach Trude Ehlert

Wie könnte nun ein festliches Menü zur Zeit Georg von Frundsbergs tatsächlich ausgesehen haben?

Die Ernährungswissenschaftlerin und Mediävistin Trude Ehlert rekonstruiert in ihrem Standardwerk anhand historischer Quellen verschiedene Menüfolgen. Für unsere kleine kulinarische Zeitreise haben wir Menü III ausgewählt.

(Originalzitat nach Trude Ehlert: Das Kochbuch des Mittelalters, Artemis & Winkler, 1995, S. 235.)

Diese Menüfolge zeigt sehr schön die Bandbreite höfischer Küche: eine kunstvoll zubereitete Vorspeise, ein aufwendiges Fischgericht, feines Backwerk und zum Abschluss ein fruchtiges Kompott.

Die passenden Rezepte stellen wir nun nach und nach in unserer Frundsberg-Küche zum Nachkochen vor.

Zum Schmunzeln

Historische Kochbücher waren keineswegs immer nur ernste Anleitungen für die Küche. Zwischen aufwendigen Festmenüs und Fastenspeisen finden sich immer wieder humorvolle Einlagen, sogenannte Scherz- oder Vexierrezepte. Sie sollten die Leser und die Gäste am Tisch zum Schmunzeln bringen und zeigen, dass auch vor vierhundert Jahren Witz seinen Platz in der Esskultur hatte.

Als Beispiel zitieren wir eines dieser überlieferten Scherzrezepte im Original:

(Originalzitat nach Trude Ehlert: Das Kochbuch des Mittelalters, Artemis & Winkler, 1995, S. 229.)

Eines dieser Rezepte stammt aus dem Jahr 1626:

Vexierrezept für diejenigen so gar zu feist und dick sein, daß sie nicht gehen konden:
Rezept für diejenigen, die so dick und fett sind, daß sie nicht mehr gehen können (1626)

„Zunächst nimm zur Morgensuppe ein Pfund Sorgen, gekocht in ungarer Liebe; zu Mittag iß zwei Pfund Melancholie; zum Abendessen nimm viele Schulden an, aber kein Geld, um diese zu bezahlen; zum Nachtessen nimm einen Sack voll schlecht begründeter Prozesse; danach leg dich in ein Bett, das mit Läusen, Flöhen, Wanzen und Filzläusen und dergleichem Getier zubereitet ist; dann wird er gewiß schon mager werden. Das ist ausprobiert worden.“

 

Heute wirkt der Text skurril und makaber, doch genau darin lag sein Witz. Solche Vexierrezepte erinnern daran, dass historische Kochbücher weit mehr waren als Rezeptsammlungen – sie spiegeln auch den Humor und den Zeitgeist ihrer Epoche wider.

Aus unserer Frundsberg-Küche

Passend zu diesem Beitrag stellen wir vier Rezepte vor, die sich an historischen Vorlagen orientieren und für die heutige Küche behutsam angepasst wurden:

  • Briestorte
  • Gefüllter Hecht
  • Krumme Krapfen
  • Weichselkirschen-Kompott

Sie vermitteln einen kleinen Eindruck davon, wie vielfältig die Küche der Renaissance gewesen sein könnte.

Das Rezepte findet ihr nach und nach in unserer Rubrik Historische Küche.

Zum Abschluss der Miniserie

Fünf Folgen – viele Geschichten.

Mit dieser fünften Ausgabe endet unsere kleine Reihe „Kulinarische Zeitreisen“ zum Frundsbergfest. Wir haben einen Blick auf die Tischkultur des frühen 16. Jahrhunderts geworfen, historische Rezepte entdeckt und gezeigt, dass Essen schon damals weit mehr war als bloße Nahrungsaufnahme. Es erzählte von Herkunft, Glauben, Wohlstand, Jahreszeiten und gesellschaftlichem Rang.

Wer beim Frundsbergfest künftig durch die Gassen geht, sieht vielleicht nicht nur Landsknechte und Marketenderinnen – sondern erkennt auch ein Stück Alltagsgeschichte hinter den Speisen auf den Tischen.

Doch die kulinarische Entdeckungsreise geht weiter.

Im KULINAVI Journal widmen wir uns künftig weiteren spannenden Themen der Ess- und Alltagskultur – von historischen Gewürzen und alten Küchentechniken über vergessene Lebensmittel bis hin zu regionalen Rezepten und ihrer Geschichte.

Literaturbox

Zum Weiterlesen

  • Trude Ehlert: Das Kochbuch des Mittelalters
  • Odile Redon, Françoise Sabban, Silvano Serventi: Die Kochkunst des Mittelalters
  • Bruno Laurioux: Tafelfreuden des Mittelalters

Abschließende Einordnung

Für diese Miniserie wurden historische Kochbücher, Fachliteratur und Quellen zur Ess- und Alltagskultur zwischen Spätmittelalter und früher Neuzeit ausgewertet. Ausgangspunkt war das Frundsbergfest in Mindelheim, das seit 1976 Geschichte als lebendige Rollen- und Erlebniswelt vermittelt. Die Beiträge verbinden historische Quellen mit eigenen Recherchen und heutigen Eindrücken vom Fest.

Sie verstehen sich als kulturgeschichtliche Annäherung an vergangene Lebenswelten – mit Freude am Entdecken historischer Zusammenhänge, nicht mit dem Anspruch einer wissenschaftlichen Abhandlung. Gerade darin liegt das Anliegen des KULINAVI Journals: Geschichte verständlich erzählen und Lust machen, sich intensiver mit unserer kulinarischen Kultur auseinanderzusetzen.