50 Jahre später – Im Gefolge Kaiser Max

Fünfzig Jahre sind vergangen, seit diese Bilder entstanden. Sie zeigen nicht nur eine junge Reiterin im Gefolge Kaiser Max, sondern erinnern an die Aufbaujahre des Frundsbergfestes, an die Nähstube, an unzählige Ehrenamtliche – und an eine Zeit, die näher scheint, als es ein halbes Jahrhundert vermuten lässt.

Meldezettel zum Frundsbergfestzug 1976 in einem schlichten Rahmen.

Frundsbergfest 1976; Privatarchiv Edith Schenk

Ein vergilbtes Schreiben der Mindelonia e.V. vom 20. Juni 1976 und einige Fotografien führen zurück in eine Zeit, die inzwischen ein halbes Jahrhundert vergangen ist. Fünfzig Jahre sind seit jenem Frundsbergfest vergangen, bei dem ich als junge Frau hoch zu Ross im Gefolge Kaiser Maximilians I. am historischen Festzug teilnehmen durfte.

Mein Blick fällt dabei zuerst auf das prächtige rot-schwarze Gewand mit dem breiten Federhut. Genäht hatte es meine Mutter Karolina Schenk – zuhause, mit viel Geschick, Geduld und Liebe zum Detail. Solche Kostüme entstanden damals wie heute nicht einfach so nebenbei. Sie enttanden in vielen Stunden akribischer und geduldiger Näharbeit.

Karolina Schenk nähte aber nicht nur für die eigene Familie. Wie zahlreiche andere Frauen engagierte sie sich zusätzlich in der eigens eingerichteten Nähstube des Frundsbergfestes. Dort wurde unter der ebenso engagierten wie konsequenten Leitung von Olli Hirle gearbeitet – manche erinnerten sich später auch noch mit einem Schmunzeln an deren „strenge Führung“. In der Nähstube entstanden Gewänder, Hauben, Hüte und Ausstattungsstücke, die den Kostümfundus erweiterten und für kommende Generationen bewahrten.

Es war die Zeit, in der sich das Frundsbergfest wandelte. Aus dem ursprünglichen Kinderfest entwickelte sich Schritt für Schritt ein Fest für die ganze Stadt. Historische Rollen wurden wieder mit erwachsenen Darstellern besetzt, neue Gruppen entstanden und der Anspruch an Authentizität wuchs. Vieles von dem, was heute selbstverständlich erscheint, wurde damals erst aufgebaut – getragen von Menschen, die unzählige Stunden ihrer Freizeit investierten. Ein Engagement, ohne das das Frundsbergfest damals nicht gewachsen wäre und auch heute kaum denkbar ist.

Die Fotografien zeigen jedoch nicht nur ein historisches Gewand, sondern auch eine kleine Besonderheit des Festzuges. Die Stute, auf der ich ritt, hatte ihr Fohlen dabei. Während des Umzugs lief der junge Vierbeiner neben seiner Mutter her und zog die Aufmerksamkeit vieler Zuschauer auf sich. Zwischen Landsknechten, Hofstaat und kaiserlichem Gefolge war das eine Attraktion, die so manchen Besucher zu einem spontanen „Ja schau mal!“ veranlasst haben dürfte.

Heute erzählen diese Bilder von weit mehr als einer persönlichen Erinnerung. Sie erzählen von den Aufbaujahren eines Festes, das längst zu einem wichtigen Teil der Mindelheimer Identität geworden ist. Vor allem erinnern sie an die vielen Ehrenamtlichen im Hintergrund – an Näherinnen, Organisatoren, Pferdehalter, Rollenträger und Helfer –, deren Arbeit selten im Mittelpunkt steht und ohne die doch nichts möglich wäre.

So wird aus einem alten Brief und einigen Fotografien ein Zeitzeugnis der frühen Jahre eines großen Gemeinschaftswerks. Und aus einer jungen Reiterin im Gefolge Kaiser Max wird, fünfzig Jahre später, eine Frau, die sich fragt: Wo sind die Jahre geblieben?