Durchs Kraut muss a Sau laufa

Vier Erinnerungen ans Sauerkraut.

Sauerkraut gehörte zum Winter. Aber wie es in den Keller, ins Fass und schließlich auf den Teller kam, daran erinnern sich unsere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ganz unterschiedlich. Mal wurde selbst gehobelt und gestampft, mal kam das Kraut vom Wochenmarkt – und manchmal war das rohe Sauerkraut offenbar verlockender als jede Süßigkeit.
Anna M. & Elisabeth „Liesel“ M. – einmal doch mit den Füßen
Bei ihnen standen zwei große „Krautstanden“ im Keller. Schon die Kinder mussten mithelfen: Krautköpfe säubern, Strünke entfernen, das gehobelte Kraut in den Keller tragen und einstampfen.
Und dann war da Bruder Konrad. Weil immer erzählt wurde, Kraut werde mit den Füßen gestampft, wollte er es unbedingt ausprobieren. Lange hielt er allerdings nicht durch:
„… ist ihm vorher ‚verdleidet‘!“
So steht die Erinnerung im Buch.
Hannes Weber – lieber Sauerkraut als Süßigkeiten
Hannes Weber hatte als Kind einen besonderen Vorteil: Seine Tante betrieb direkt neben dem Hof ein Lebensmittelgeschäft. Süßigkeiten wären also praktisch jederzeit verfügbar gewesen.
Seine Erinnerung gilt aber etwas anderem:
„Und wenn ich in den Laden kam, habe ich mir keine Süßigkeiten genommen, sondern mit einer Holzgabel immer etwas Sauerkraut aus dem Fass rausgeholt!“
Georg „Gore“ Kling – wenn das Bäuerle kam
Bei Georg Kling begann das Sauerkraut mit einem Ereignis. Im Herbst kam ein „Bäuerle“ mit kleinem Bulldog und einem Anhänger voller großer Krautköpfe. Darauf wurde schon gewartet: „Heute kommt der“, hieß es.
Dann folgte ein genau eingespielter Ablauf: Kraut putzen und halbieren, Strunk entfernen, auf dem Brett direkt ins 100-Liter-Holzfass hobeln, immer wieder grobes Salz zwischen die Lagen geben. Zum Schluss kam der Krautstampfer, darauf zwei Holzdeckel und zwei große Granitsteine.
Für die Kinder war ausgerechnet die Arbeit das Vergnügen:
„Das Allertollste war, wenn wir stampfen durften!“
Und selbst Strünke und äußere Blätter fanden noch Verwendung – sie wurden an die Schweine verfüttert. „Man hat eben einfach nichts weggeschmissen.“
Gabriele Haldenmayr – „Durchs Kraut muss a Sau laufa“
Ganz anders in ihrer Familie: Das Sauerkraut wurde nicht selbst eingehobelt. Auf dem Mindelheimer Wochenmarkt stand ein Händler mit offenem Krautfass, bei dem man das Sauerkraut pfundweise kaufen konnte. Ihre Mutter holte dort frisches Kraut und verarbeitete es zu Hause.
Und für die Zubereitung gab es eine klare Familienregel:
„Durchs Kraut muss a Sau laufa.“
Gemeint war: Ein Stück Schweinefleisch oder Speck musste mitgekocht werden – sonst schmeckte das Sauerkraut nicht richtig.

Einordnung
Vier Erinnerungen an ein einziges Lebensmittel – und schon steht eine kleine Welt vor uns: Krautstanden im Keller, ein Bulldog voller Krautköpfe, Kinder beim Stampfen, eine Holzgabel im Tante-Emma-Laden und das offene Krautfass auf dem Mindelheimer Wochenmarkt.
Sauerkraut war Vorrat. Aber offenbar war es auch Ritual, Kindervergnügen und Familienweisheit.

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